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Der Hospizverein Rheinstetten e.V. erfreut sich neben dem stetig wachsenden Bekanntheitsgrad und der nach wie vor großen Spendenbereitschaft in der Bevölkerung auch einer weiter zunehmenden Mitgliederzahl. Inzwischen sind wir bei knapp 250 Mitgliedern angekommen – und wir sind sehr froh darüber. Kann doch nicht zuletzt dadurch in Rheinstetten diese wichtige ehrenamtliche - und deshalb kostenfreie - Unterstützung Schwerstkranker und Sterbender und ihrer Angehörigen in Rheinstetten stattfinden. Mit der Konsolidierung unseres Vereines weitet sich auch der Blick über den Rand von Rheinstetten hinaus, um die Hospizarbeit in unserem Süddeutschen Raum wahrzunehmen, Kontakte zu knüpfen, Erfahrungen auszutauschen und die neuesten Erkenntnisse aus Hospiz – und Palliativarbeit zu erfahren. So waren wir zum ersten Mal bei den 11. Süddeutschen Hospiztagen in Bad Boll vertreten, die in diesem Jahr unter dem Motto: „Wohl an denn Herz, nimm Abschied…“ Von der (Un)-Fähigkeit zu Trauern“ gestanden haben. Dass sich der Umgang mit Trauer in den letzten 5 Jahrzehnten grundlegend geändert hat, steht außer Frage. Viel Traditionelles an Verhaltensweisen und Ritualen ist weg gebrochen, weil es oftmals auch gar nicht mehr verstanden wird. Der Tod wurde mehr und mehr zur Privatsache, was einerseits als Entlastung von gesellschaftlichen Zwängen erlebt wurde, anderseits hat sich aber auch eine gewisse Sprachlosigkeit und Unsicherheit breit gemacht. Um die Frage, wie nicht-westliche Gesellschaften den Tod kulturell gestalten, ging es in dem ersten Vortrag des Tübinger Ethnologen Prof. Dr. Hardenberg, der aufgezeigt hat, dass Tod und Trauer in diesen Kulturen als zutiefst soziale und kollektive Angelegenheit begriffen und mit eine Vielzahl von Ritualen gemeinsam bewältigt werden.
Im zweiten Vortrag „Die Trauer des Sterbenden im Sterbeprozess“, lenkte Frau Hanne Oesterle vom Institut für Lebensbegleitung und Trauerberatung Freiburg den Blick auf die unbekannte Innenseite der Trauer – die des sterbenden Menschen nämlich. Dem Sterbenden stellen sich mehrere „Traueraufgaben“, die, auch wenn sie über den Verstand begriffen sind, damit keineswegs auch ein inneres Akzeptieren des Verlustes darstellen. Unser Herz braucht Zeit, das kognitiv Gewusste „wahr sein“ zu lassen. Für Sterbende, die ja mit ihrer ganzen Lebensgeschichte sterben, haben die Kategorien Raum und Zeit oftmals eine andere Bedeutung und entsprechend sind ihre Reaktionsweisen für die Begleitenden oft schwer zu verstehen. Männer und Frauen zeigen im Trauerprozess offenbar unterschiedliche Verhaltens- und Verarbeitungsweisen. Gerade die oft missverstandene „instrumentale“ Trauer vieler Männer, die sich im intensiven Nachdenken, Problem lösen, oder im praktischen Tun ausdrückt, wird in einem neuen Licht gesehen. Diese Verarbeitungsweisen lösen bei Außenstehenden mitunter Befremden aus, weil ihnen die erwartete intuitive emotionale Seite der Trauer zu fehlen scheint. Das ist jedoch keineswegs der Fall: Trauer findet hier lediglich einen anderen Ausdruck. Trauer ist immer individuell! Es verbietet sich geradezu, in dieser Situation zu be-urteilen – vielmehr befinden wir uns in der Begleitung auf „heiligem Boden“. In der Sterbebegleitung sind wir Zeugen eines inneren Geschehens, an dem wir teilzuhaben gewürdigt werden und das wir mit liebevollem Verständnis und im Vertrauen auf letztendliche Heilung begleiten dürfen.
Der Mainzer Klinikpfarrer Erhard Weiher lenkte den Focus in seinem Beitrag „Die Trauer der Angehörigen im Sterbeprozess eines nahen Menschen“ auf die unterstützenden und stabilisierenden Faktoren im Sterbeprozess, die von den Angehörigen im oft chaotischen „Fluss der Trauer“ als hilfreichen „Trittsteine“ (R. Smeding) erlebt und dann für die Trauerzeit genutzt werden können. Im Sterben und im Tod Zeit zu geben, ein Innehalten und eine Zäsur zu ermöglichen, gelingende Wege des Abschiednehmens in Wort und Handlung zu finden und zu eröffnen, gehört mit zu den dringlichsten Aufgaben in der Trauerbegleitung.
Der äußerst interessante Beitrag vom Sozialpsychologen Hr. Prof. H. Keupp mit dem Thema „Die Unfähigkeit zu Trauern in der deutschen Erinnerungspolitik“ befasste sich mit der Frage, welche Ideologien in der deutschen Gesellschaft nach der Katastrophe des Zusammenbruchs 1945 entwickelt worden waren. Diese neuen „alltagsverträglichen Identitätsbrücken“ haben letztlich zwar ein effektives Weiterexistieren und den Wiederaufbau ermöglicht, jedoch auch ein Betrauern des Verlustes und aufarbeitendes Erinnern des Erlebten verhindert.
Wie sich gerade traumatische Erlebnisse der Kriegsgeneration als (Kriegsgräuel, Vergewaltigung, Todesangst, Verlust und Leid…) als „verdrängte Trauer“ ihren Weg ins Erleben sterbender oft hochbetagter Patienten bahnen, schilderte die Sozialpsychologin Fr. C. Gestrich in ihrem Beitrag: „Traumatisierung und verdrängte Trauer“. Der Begriff „Trauma“ meint dabei eine tiefgehende Verwundung in der Seele eines Menschen, eine Angst die ihn überfällt und ihn als ein existentieller Schrecken um sein eigenes Leben oder um das eines ihm nahe stehenden Menschen fürchten lässt. Wie viele Menschen der damaligen Generation haben Unsagbares mitgemacht und durchgestanden – ohne jemals darüber gesprochen oder gar eine Therapie erfahren zu haben? Darum zu wissen, auf solche Widerfahrnisse reagieren und entsprechend angemessen begleiten zu können, ist nicht zuletzt ein Ziel unserer Hospizarbeit.
Markus Müller
Wir sind für Sie da – kostenfrei und unbürokratisch. Hospiz-Einsatzleitung: (0151) 57 42 57 33, + über die kath. oder ev. Pfarrbüros. Die Vorträge des Hospiztages finden sich ab August auch auf unserer Homepage: rheinstetten.hospiz-bw.de